Schreiben
Irgendwann muß ich ja mal ernst machen. Es genügt nicht, einfach nur daran zu glauben, die Sache mit dem Schreiben werde noch kommen. Glaube hilft in diesem Fall überhaupt nicht.
Wie oft habe ich schon damit angefangen, konnte aber nie zu meinem Thema finden, auch weil ich dieses Thema vor dem Schreiben nicht kenne. Dies ist wohl die erste Schwierigkeit, die mir bisher längere Texte unmöglich gemacht hat. Mir fällt zwar etwas ein, ich schreibe es auf und je weiter ich fortschreibe, desto mehr verschwindet diese erste Impulsenergie, die mich an den wie immer gearteten Schreibtisch brachte. So entstanden Texte, die ich Gedichte nannte. Sie waren zu kurz, um mehr zu sein. Als Gedichte, wenn sie gut waren, benötigten sie natürlich auch kein weiteres Wort.
Über die Frage, wann und warum ein Text ein Gedicht ist, wurde schon viel geschrieben. Für mich stellt sich die Frage nicht mehr. Sie beantwortet sich durch meine Gedichte selbst.
Geschenkte Stunde
Ich stehe auf in der Meinung, es sei bereits kurz nach 6 Uhr. Das Zifferblatt mit der entsprechenden Zeigerstellung steht mir noch vor Augen. Ich bin also für mein Verhältnisse spät dran. Es ist dazu auch noch Sonntag und daher eigentlich nicht besonders schlimm verspätet aufzuwachen. Wie gewohnt Brühe ich Kaffee auf und nehme die dampfende Tasse mit ins Bett. Dort lese ich in dem Buch von Oliver Sacks weiter, das mir beim Einschlafen am Abend zuvor geholfen hat. Wie gewohnt schalte ich dann um 7 Uhr den Deutschlandfunk für die Nachrichten ein. Der Radiosprecher überrascht mich. Er behauptet, es sei 6 Uhr. Ich glaube ihm natürlich, denn es ist nicht das erste Mal, daß ich mich in der Uhrzeit getäuscht habe. Manchmal war ich mir auch schon über den Wochentag unsicher und mußte mir durch einen Blick auf die Tageszeitung Gewißheit darüber verschaffen, ob ich mich geirrt oder getäuscht habe. Meine Bewertung dieser Ereignisse fiel in der Regel positiv aus, dass sich meistens um einen Gewinn handelte, einen Zeitgewinn, der meinem Empfinden nach einer Lebensverlängerung gleichkam. Ihr wurde eine Stunde geschenkt, die ich sonst verschlafen hätte, wenn ich genauer auf meine Uhr geschaut hätte. Doch hier liegt auch das Problem. Ich sehe nicht mehr gut. Eine altersbedingte Makuladegeneration schränkt meine Sehfähigkeit stark ein und dies kann dann manchmal zu Fehlinformationen führen.

Nachmittage
Die nahe unbekannte Wellt und die langen Nachmittage. Nichts im Ohr. Nur die Geräusche der Stille. Diese Träumereien einer anderen Welt. Träume aus ihr geboren, ihrem Fehlen. Diese Nachmittage erfüllt von der alten, der verlorenen Welt. Da bleibt nichts, das trösten könnte. Nur alles lassen, nicht aufgeben. Viele Nachmittage werden noch kommen und den Sehnsüchten Raum geben oder den Erinnerungen.

Dezembernacht
Mein Gang auf die Terrasse zwischen Nacht und Morgen aber nach Mitternacht. Ich hole tief Luft. Sie ist kalt. Vernebelte Dezemberluft, ohne Sicht auf Himmel und Sterne. Der Mond ist verschwunden, so besonders ist diese Nacht. Geprägt von der Mondlosigkeit und der Sehsucht nach einer Frau im Mond umgeben von den Sternbildern des Dezemberhimmels, die alle wunderbar poetische Namen tragen, die mir aber jetzt nicht einfallen können wegen dem Nebel. Auch mein Denken ist eingeschränkt, aus dem Schlaf gerissen funktioniert es wie eine Blume, der man den Boden entzogen hat, kein Wasser mehr halten kann und Blätter und Blüten einfach hängen läßt, als gäbe es keinen Morgen. Nur noch vage erinnerbare Träume waren es, die mich um den Schlaf und auf die Terrassse gebracht haben. So richtet sich mein Blick auf alles Naheliegende, was nicht viel ist, wenn Nebel mehr ver- als enthüllt. Was mache ich also hier? Gibt es tiefere, womöglich bis weit in meine Kindheit zurückreichende Gründe, die mich auf die feucht-glatten Douglasienbretter meines Terrassenbodens führten? Diese Fragen, so schwerwiegend sie sind, haben etwas beunruhigendes, verlangen geradezu nach Antworten. Wenigstens auf diesem Feld kann ich es sein, der die Nebel lichtet. Aber will ich das wirklich? Es könnte peinlich werden, weil die Antworten einerseits banal sein könnte, andererseits aber so naheliegend, wie es gewisse Bedürfnisse sind, wenn man so alt ist wie ich und die Nacht schon etwas fortgeschritten, sich dem Morgen nähert. Weniger peinlich ist es vielleicht, den Nebel um meine nur vage erinnerbaren Träume zu lichten. Mich träumerisch zu erinnern an meine Träume hat in der dezembernächtlichen Kälte leider auch unangenehme Seiten. Ich habe ja nicht viel an, nur das, was ich anhabe, wenn ich zu dieser Jahreszeit im Bett liege. So dürftig bekleidet wird mir selbst beim Erinnern an meine Träume nicht warm ums Herz. Gänsehaut macht sich unter meinem Schlafanzug breit. Irgendwie naheliegend, denke ich. Weihnachten ist ja nicht mehr weit und die Aussicht auf dieses Fest läßt mir zusätzlich den Atem gefrieren, nicht Wort-wörtlich. Ich sehe meinen Atem immerhin vor meinem Mund als nebelverstärkendes Wölkchen wabern, das augenblicklich mit seiner Umgebung eins wird, so wenig allerdings wie ich mit ihr eins werden möchte. Vielmehr macht sich bei mir das dringende Bedürfnis breit, wieder unter die dicke Bettdecke zu verschwinden, unter der es sogar noch etwas warm ist. Kein Traum. Es könnte ja sein, daß ich dem Mond noch entgegen schlafen kann, meinem Tagmond, der oft wie eine Fata Morgana den morgendlichen Dezemberhimmel ziert.
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